Jenseits von Farmville

Was würden Zwanzigjährige, die sich heute – nach meiner Beobachtung – freiwillig häufiger und intensiver mit StudiVZ und Facebook beschäftigen als mit Fragen der Gegenwartsliteratur oder mit Problemen der Mikrotypografie, anstellen, wenn ich sie mit der Aufgabe konfrontiere, ein Plakat für einen zwar schon für tot erklärten, aber trotzdem noch lebenden deutschsprachigen Schriftsteller zu konzipieren und zu gestalten?

Um eine Antwort auf diese Frage zu erhalten, haben wir uns – zur Einstimmung – erst einmal zwei Filme auf Youtube angeschaut, die den Autor und Künstler – den »armen Mann von Charlottenburg« (T. K.) und bekennenden Biertrinker –  Thomas Kapielski in Aktion zeigen (Film 1, Film 2). – Schweigen, vereinzeltes Lachen, wieder Schweigen. Anschließend wurde recherchiert: Webseite des Autors, Webseiten von Verlagen, Wikipedia usw.

Die Seitenscheibenplakate für die Hamburger U-Bahn sollten eine Lesung im Literaturhaus Hamburg ankündigen und mit ausschließlich typografischen Mitteln gestaltet werden. Corporate-Design-Vorgaben des Literaturhauses brauchten – es handelte sich um ein fiktives Projekt – nicht berücksichtigt zu werden. Ein Titel für die Veranstaltung konnte frei erfunden werden.

Bei dieser Übung für die Studierenden des 2. Semesters ging es vor allem darum, eine überschaubare Menge an Textinformationen ansprechend auf einer Fläche von 500 × 150 mm zu gliedern und zu gewichten. Welche Schriften kann man mischen? Gibt es eine Schrift, die besonders gut zu diesem Autor, seinem Werk oder zu der Veranstaltung passt? Wie sieht eine »literarische Schrift« aus? Gibt es sie überhaupt? Wie setzt man einen Größen- oder Formkontrast effektiv ein? Welche Rolle spielen die Farben? Darf man Text stürzen? Kann man sinnvoll mit Ebenen, Transparenzen und Invertierungen arbeiten, ohne auf billige Effekte zu schielen? Wie erschließt man die Fläche und wie erreicht man eine gute Lesbarkeit? Dieses sind gewiss einige Fragen, mit denen sich die Studierenden auseinanderzusetzten hatten.

Immer wieder ermunterte ich sie, auf bloß dekorative Elemente in ihren Layouts zu verzichten. Hartnäckig hält sich nämlich das Vorurteil unter Typo-Anfängern, dass eine Gestaltung ganz ohne Illustration oder Fotografie langweilig sein müsse.

Wir haben uns für diese kleine Aufgabe viel Zeit genommen. In den Korrekturgesprächen warb ich für die »Kunst des Weglassens« und postulierte – Kurt Weidemann paraphrasierend, wenn ich mich recht erinnere –, dass man in der typografischen Gestaltung nichts dem Zufall überlassen dürfe. So wurden denn Schriften neu gemischt, Auszeichnungen überprüft, Zeilenabstände korrigiert, manuelle Unterschneidungen vorgenommen etc. – alles, was in einer »Schule des Sehens« eben wichtig ist.

Ich kann und will hier nicht den gesamten Entwicklungsprozess dokumentieren, aber einige der gelungensten Arbeiten möchte ich hier schon zeigen. Weitere Arbeitsproben aus meinem Typografie-Seminar finden Sie übrigens auch auf der flickr-Website der Kunstschule Wandsbek.

Kristin Nicolaisen

Design: Kristin Nicolaisen

Sabrina Dibbern

Design: Sabrina Dibbern

Christoph Boy

Design: Christoph Boy

Benjamin von Berckefeld

Design: Benjamin von Berckefeld

Bente Peters

Design: Bente Peters

Kathleen Bischoff

Design: Kathleen Bischoff

Nadja Scheffler

Design: Nadja Scheffler

Theresa Priewe

Design: Theresa Priewe

Denise Rischmann

Design: Denise Rischmann

Julia Ellenberg

Design: Julia Ellenberg

Sandra Müller

Design: Sandra Müller

Maria Mundt

Design: Maria Mundt

Nina Behl

Design: Nina Behl

Inga Parchmann

Design: Inga Parchmann

Schlagwörter: , , , , , ,

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: