Tor zu einem Universum

Vor vier Wochen hat Jürgen Siebert das Buch »Read + Play. Einführung in die Typografie« im Fontblog vorgestellt. Ich habe mir das 144 Seiten starke Werk sogleich gekauft, kam jedoch erst gestern dazu, es zu lesen. Geschrieben und herausgegeben wurde es von zwei Lehrenden der Fachhochschule Mainz. Die Kommunikationsdesigner Prof. Jean Ulysses Voelker und Peter Glaab verstehen ihren Reader als ein kommentiertes Literaturverzeichnis. In sehr kompakter Form, zweisprachig und in drei Teile gegliedert, stellen die Autoren über 100 ausgewählte Bücher vor. Der Untertitel »Einführung in die Typografie« klingt bescheiden, ist es aber ganz und gar nicht.

read + play

Aus eigener Erfahrung – als Typografiedozent an einer privaten Berufsfachschule für Kommunikationsdesign – kann ich das Urteil der Autoren bestätigen. Ein Studienanfänger im Studiengang Kommunikationsdesign hat noch keine ausgeprägte Vorstellung von der Relevanz des Faches Typografie. Die Komplexität der Inhalte wird unterschätzt und über die vielfältigen Rollen des Designers und über die intellektuellen Herausforderungen des späteren Berufes weiß der junge Mensch noch wenig. Wer will es ihm übelnehmen?

Unterstellt man aber einmal, dass der Studierende die Wichtigkeit des Selbststudiums erkannt hat, dann ist »Read + Play« ein taugliches Werkzeug (für alle Semester!), mit dem der Lernende sich einen Weg durch den Typo-Dschungel bahnen kann.

Im ersten Teil erfährt man einiges über das Verhältnis von Typografie, Kommunikation, Kultur, Kunst, Technik, Gesellschaft, Wirtschaft und Politik. Alle wichtigen Namen von Typografen (der letzten Jahrzehnte) – von Schwitters bis Bill, von Tschichold bis Carson, von Weingart bis Weidemann, von Müller-Brockmann bis Meiré – werden kurz genannt und kommentiert. Diese Name-Dropping-Liste lädt ein zu einer weiterführenden Lektüre. Das ist der Sinn dieses Buches: es liefert Stichworte, mit deren Hilfe der Leser sich die verschiedenen typografischen Zusammenhänge eigenständig erschließen kann. Man fragt sich, warum dieses Buch erst jetzt erscheint.

In einem zweiten Teil geht es dann um die Regeln der Typografie, das Lesen, die Schrift selbst und ihre Qualitätskriterien.

Im dritten und letzten Teil reflektieren die Autoren ihr Werk und ihren Anspruch und diskutieren mit einigen ihrer Mainzer Kollegen unter anderem die Frage, »was man Studenten zumuten kann«. Fragen der Macht, der Verantwortung, der Autorschaft und der Wissensvermittlung werden ebenso erörtert.

Mir gefällt dieses Buch, weil es implizit ein großes Thema auch meines Unterrichts formuliert. Was kann ich vermitteln und was muss ich unbedingt ansprechen, worauf kann ich nur verweisen und worauf darf ich vertrauen, was kann ich (in meinen 1,5 Semestern des Grundstudiums) leisten und was werden die Kollegen im Fortgang in ihrem Unterricht thematisieren?

Auch meine Studierenden bilden eine sehr heterogene Gruppe. Es bestehen Unterschiede in der Vorbildung, in den Erwartungen und Erfahrungen, in der Motivation, in der Bereitschaft zum Selbststudium. In schöner Regelmäßigkeit wird mir am Ende eines Semesters – mit Hilfe eines Feedback-Fragebogens – immer wieder attestiert, dass ich mal wieder viel zu viel – und viel zu wenig Theorie gemacht habe.

Und dann werde ich den Eindruck nicht los, dass die Lektüre von (Fach-)Büchern heute unter meinen Studierenden eher als uncool gilt. Wozu noch lesen, wenn es doch http://ffffound.com und http://www.behance.net gibt? Mit der Formulierung des letzten Satzes fordere ich zum Widerspruch auf.

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