Typoversity

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So, inzwischen ist das Buch eingetroffen und ich habe es am Wochenende lesen können. Layout, Papier und Verarbeitung sind ganz ordentlich. Warum man im Blocksatz allerdings unterschiedliche Buchstabenabstände erlaubt und den Personen-Index nach Vornamen ordnet, wird das Geheimnis der Herausgeber bleiben.

Auf den hinteren 40 der 240 großzügig gestalteten Seiten beantworten zehn Kollegen unter anderem Fragen zu ihrem Lehrkonzept. Diese Antworten haben mich am meisten interessiert. Trotz aller Unterschiede in den Lehrplänen scheint mir die Menge der Gemeinsamkeiten evident. Beruhigend ist es zu erfahren, dass auch Universitäts- und Fachhochschul-Professoren nur mit Wasser kochen. Erfreulich: die Typografie ist längst keine Domäne der Männer mehr – immer häufiger bilden Frauen den typografischen Nachwuchs aus. Man liest und empfiehlt die gleichen Bücher. Man engagiert sich für die gleichen Ziele, sieht sich vor ähnlichen Herausforderungen gestellt.

Im Zusammenhang mit der typografischen Lehre stößt man immer wieder auf die selben Formulierungen. Es geht um die Liebe zum Detail, um das genauen Hinsehen, um die Lust am Entdecken, … von Haltung ist oft die Rede. Der »richtige« Mix aus Theorie-Input, Ausprobieren und Feedback ist oftmals entscheidend. Mal wird der spielerisch-experimentelle Ansatz betont, mal die Ernsthaftigkeit des Handwerks. Die Entwicklung der Selbstlernkompetenzen scheint dabei gerade unter dem Aspekt der Regelstudienzeitverkürzung (Bachelor-Studiengang) an Bedeutung zu gewinnen. Irgendwo zwischen Kunst und angewandter Gestaltung, zwischen Tradition und innovativer Technik können Lehrende – und Lernende – eine schöne Erfahrung machen: die eigene Euphorie und Leidenschaft wirkt oftmals ansteckend.

Jürgen Huber, Professor für Kommunikationsdesign und Typografie an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin, wertet den Ausspruch einer Studentin als »großes Lob«. Sie sagte: »[…] ich habe Ihr Fach immer sehr gehasst, aber ich habe viel gelernt.« Ja, Ähnliches habe ich auch schon mal gehört.

Noch ein paar Zitate: Jay Rutherford, Professor für Typografie an der Bauhaus-Universität in Weimar: »Aber ich merke, dass es viele Leute gibt, die wenig Interesse haben. Das ist traurig, aber ich erreiche nicht alle unsere Studierenden.« Puh, ich dachte bisher immer, das sei ausschließlich ein Phänomen an meiner Schule …

»Es bleibt eine Herausforderung, Studierende zu motivieren, die Mühsal der kleinen Schritte und des Entdeckens auf sich zu nehmen.« Das sagt Heike Grebin, Professorin für Typografie an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg. Wer mag ihr da widersprechen?

Überraschend fand ich ein Statement von Betina Müller, Professorin für Typografie an der Fachhochschule in Potsdamm. Sie sagt: »An der FHP kann man Kommunikationsdesign studieren, ohne auch nur einen Typokurs zu absolvieren. An der HTW in Berlin studiert man nahezu sechs Semester Typografie.«

Auf den ersten 180 Seiten werden studentische Projekte aus den verschiedenen Semester kurz präsentiert, darunter auch etliche Diplom-Arbeiten. Unter den Kapitelüberschriften »Schrift«, »Editorial« und »Experiment« wird ein Best-of gegeben, das neben der Vielfalt auch demonstriert, dass Typografie selten L’art pour l’art, immer Handwerk und meistens eben auch eine intellektuelle Tätigkeit ist.

Mir fällt gerade die Frage einer Studierenden zum Ende des dritten Semesters ein. Sie wollte von mir wissen: »Haben wir denn jetzt nie mehr Typografie?« – »Nein, niiiiiie mehr.«

Typoversity
Nadine Roßa, Andrea Schmidt, Patrick Marc Sommer (Herausgeber)
Norman Beckmann Verlag & Design, 240 Seiten
ISBN: 978-3-939028-25-3; 24,90 Euro

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