Posts Tagged ‘Kommunikationsdesign’

Typo-Kalender (6)

Mai 3, 2013

Als Warm-up stand zu Beginn des Sommersemesters 2013 wieder die Gestaltung eines Kalenderblattes auf dem Lehrplan. Die Studierenden des dritten Semesters der Kunstschule Wandsbek sollten mit rein typografischen Mitteln – also ohne den Einsatz von Illustrationen oder Fotografien – ein Kalenderblatt für einen Monat ihrer Wahl gestalten.

Und so konnte ich tatsächlich einige unserer Nachwuchs-Kreativen davon überzeugen, dass die Anfertigung von Ideenskizzen zu Beginn eines Projektes durchaus eine sinnvolle Tätigkeit darstellt. Manche hatten – wenn meine Wahrnehmung mich nicht getäuscht hat – sogar Spaß daran.

In unzähligen Feedback-Runden versuchte ich, ihnen die Bedeutung der Begriffe Hierarchie, Rhythmus und Proportion für die Gestaltung zu erläutern. — Die besten Kalenderblätter aus den beiden Gruppen will ich hier zeigen.

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Max Jalost — Marie Hauner

Layouts von Max Jalost und Marie Hauner

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Typoversity

Juni 5, 2011

Typoversity

So, inzwischen ist das Buch eingetroffen und ich habe es am Wochenende lesen können. Layout, Papier und Verarbeitung sind ganz ordentlich. Warum man im Blocksatz allerdings unterschiedliche Buchstabenabstände erlaubt und den Personen-Index nach Vornamen ordnet, wird das Geheimnis der Herausgeber bleiben.

Auf den hinteren 40 der 240 großzügig gestalteten Seiten beantworten zehn Kollegen unter anderem Fragen zu ihrem Lehrkonzept. Diese Antworten haben mich am meisten interessiert. Trotz aller Unterschiede in den Lehrplänen scheint mir die Menge der Gemeinsamkeiten evident. Beruhigend ist es zu erfahren, dass auch Universitäts- und Fachhochschul-Professoren nur mit Wasser kochen. Erfreulich: die Typografie ist längst keine Domäne der Männer mehr – immer häufiger bilden Frauen den typografischen Nachwuchs aus. Man liest und empfiehlt die gleichen Bücher. Man engagiert sich für die gleichen Ziele, sieht sich vor ähnlichen Herausforderungen gestellt.

Im Zusammenhang mit der typografischen Lehre stößt man immer wieder auf die selben Formulierungen. Es geht um die Liebe zum Detail, um das genauen Hinsehen, um die Lust am Entdecken, … von Haltung ist oft die Rede. Der »richtige« Mix aus Theorie-Input, Ausprobieren und Feedback ist oftmals entscheidend. Mal wird der spielerisch-experimentelle Ansatz betont, mal die Ernsthaftigkeit des Handwerks. Die Entwicklung der Selbstlernkompetenzen scheint dabei gerade unter dem Aspekt der Regelstudienzeitverkürzung (Bachelor-Studiengang) an Bedeutung zu gewinnen. Irgendwo zwischen Kunst und angewandter Gestaltung, zwischen Tradition und innovativer Technik können Lehrende – und Lernende – eine schöne Erfahrung machen: die eigene Euphorie und Leidenschaft wirkt oftmals ansteckend.

Jürgen Huber, Professor für Kommunikationsdesign und Typografie an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin, wertet den Ausspruch einer Studentin als »großes Lob«. Sie sagte: »[…] ich habe Ihr Fach immer sehr gehasst, aber ich habe viel gelernt.« Ja, Ähnliches habe ich auch schon mal gehört.

Noch ein paar Zitate: Jay Rutherford, Professor für Typografie an der Bauhaus-Universität in Weimar: »Aber ich merke, dass es viele Leute gibt, die wenig Interesse haben. Das ist traurig, aber ich erreiche nicht alle unsere Studierenden.« Puh, ich dachte bisher immer, das sei ausschließlich ein Phänomen an meiner Schule …

»Es bleibt eine Herausforderung, Studierende zu motivieren, die Mühsal der kleinen Schritte und des Entdeckens auf sich zu nehmen.« Das sagt Heike Grebin, Professorin für Typografie an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg. Wer mag ihr da widersprechen?

Überraschend fand ich ein Statement von Betina Müller, Professorin für Typografie an der Fachhochschule in Potsdamm. Sie sagt: »An der FHP kann man Kommunikationsdesign studieren, ohne auch nur einen Typokurs zu absolvieren. An der HTW in Berlin studiert man nahezu sechs Semester Typografie.«

Auf den ersten 180 Seiten werden studentische Projekte aus den verschiedenen Semester kurz präsentiert, darunter auch etliche Diplom-Arbeiten. Unter den Kapitelüberschriften »Schrift«, »Editorial« und »Experiment« wird ein Best-of gegeben, das neben der Vielfalt auch demonstriert, dass Typografie selten L’art pour l’art, immer Handwerk und meistens eben auch eine intellektuelle Tätigkeit ist.

Mir fällt gerade die Frage einer Studierenden zum Ende des dritten Semesters ein. Sie wollte von mir wissen: »Haben wir denn jetzt nie mehr Typografie?« – »Nein, niiiiiie mehr.«

Typoversity
Nadine Roßa, Andrea Schmidt, Patrick Marc Sommer (Herausgeber)
Norman Beckmann Verlag & Design, 240 Seiten
ISBN: 978-3-939028-25-3; 24,90 Euro

Tor zu einem Universum

Dezember 26, 2010

Vor vier Wochen hat Jürgen Siebert das Buch »Read + Play. Einführung in die Typografie« im Fontblog vorgestellt. Ich habe mir das 144 Seiten starke Werk sogleich gekauft, kam jedoch erst gestern dazu, es zu lesen. Geschrieben und herausgegeben wurde es von zwei Lehrenden der Fachhochschule Mainz. Die Kommunikationsdesigner Prof. Jean Ulysses Voelker und Peter Glaab verstehen ihren Reader als ein kommentiertes Literaturverzeichnis. In sehr kompakter Form, zweisprachig und in drei Teile gegliedert, stellen die Autoren über 100 ausgewählte Bücher vor. Der Untertitel »Einführung in die Typografie« klingt bescheiden, ist es aber ganz und gar nicht.

read + play

Aus eigener Erfahrung – als Typografiedozent an einer privaten Berufsfachschule für Kommunikationsdesign – kann ich das Urteil der Autoren bestätigen. Ein Studienanfänger im Studiengang Kommunikationsdesign hat noch keine ausgeprägte Vorstellung von der Relevanz des Faches Typografie. Die Komplexität der Inhalte wird unterschätzt und über die vielfältigen Rollen des Designers und über die intellektuellen Herausforderungen des späteren Berufes weiß der junge Mensch noch wenig. Wer will es ihm übelnehmen?

Unterstellt man aber einmal, dass der Studierende die Wichtigkeit des Selbststudiums erkannt hat, dann ist »Read + Play« ein taugliches Werkzeug (für alle Semester!), mit dem der Lernende sich einen Weg durch den Typo-Dschungel bahnen kann.

Im ersten Teil erfährt man einiges über das Verhältnis von Typografie, Kommunikation, Kultur, Kunst, Technik, Gesellschaft, Wirtschaft und Politik. Alle wichtigen Namen von Typografen (der letzten Jahrzehnte) – von Schwitters bis Bill, von Tschichold bis Carson, von Weingart bis Weidemann, von Müller-Brockmann bis Meiré – werden kurz genannt und kommentiert. Diese Name-Dropping-Liste lädt ein zu einer weiterführenden Lektüre. Das ist der Sinn dieses Buches: es liefert Stichworte, mit deren Hilfe der Leser sich die verschiedenen typografischen Zusammenhänge eigenständig erschließen kann. Man fragt sich, warum dieses Buch erst jetzt erscheint.

In einem zweiten Teil geht es dann um die Regeln der Typografie, das Lesen, die Schrift selbst und ihre Qualitätskriterien.

Im dritten und letzten Teil reflektieren die Autoren ihr Werk und ihren Anspruch und diskutieren mit einigen ihrer Mainzer Kollegen unter anderem die Frage, »was man Studenten zumuten kann«. Fragen der Macht, der Verantwortung, der Autorschaft und der Wissensvermittlung werden ebenso erörtert.

Mir gefällt dieses Buch, weil es implizit ein großes Thema auch meines Unterrichts formuliert. Was kann ich vermitteln und was muss ich unbedingt ansprechen, worauf kann ich nur verweisen und worauf darf ich vertrauen, was kann ich (in meinen 1,5 Semestern des Grundstudiums) leisten und was werden die Kollegen im Fortgang in ihrem Unterricht thematisieren?

Auch meine Studierenden bilden eine sehr heterogene Gruppe. Es bestehen Unterschiede in der Vorbildung, in den Erwartungen und Erfahrungen, in der Motivation, in der Bereitschaft zum Selbststudium. In schöner Regelmäßigkeit wird mir am Ende eines Semesters – mit Hilfe eines Feedback-Fragebogens – immer wieder attestiert, dass ich mal wieder viel zu viel – und viel zu wenig Theorie gemacht habe.

Und dann werde ich den Eindruck nicht los, dass die Lektüre von (Fach-)Büchern heute unter meinen Studierenden eher als uncool gilt. Wozu noch lesen, wenn es doch http://ffffound.com und http://www.behance.net gibt? Mit der Formulierung des letzten Satzes fordere ich zum Widerspruch auf.