Posts Tagged ‘Literatur’

Tor zu einem Universum

Dezember 26, 2010

Vor vier Wochen hat Jürgen Siebert das Buch »Read + Play. Einführung in die Typografie« im Fontblog vorgestellt. Ich habe mir das 144 Seiten starke Werk sogleich gekauft, kam jedoch erst gestern dazu, es zu lesen. Geschrieben und herausgegeben wurde es von zwei Lehrenden der Fachhochschule Mainz. Die Kommunikationsdesigner Prof. Jean Ulysses Voelker und Peter Glaab verstehen ihren Reader als ein kommentiertes Literaturverzeichnis. In sehr kompakter Form, zweisprachig und in drei Teile gegliedert, stellen die Autoren über 100 ausgewählte Bücher vor. Der Untertitel »Einführung in die Typografie« klingt bescheiden, ist es aber ganz und gar nicht.

read + play

Aus eigener Erfahrung – als Typografiedozent an einer privaten Berufsfachschule für Kommunikationsdesign – kann ich das Urteil der Autoren bestätigen. Ein Studienanfänger im Studiengang Kommunikationsdesign hat noch keine ausgeprägte Vorstellung von der Relevanz des Faches Typografie. Die Komplexität der Inhalte wird unterschätzt und über die vielfältigen Rollen des Designers und über die intellektuellen Herausforderungen des späteren Berufes weiß der junge Mensch noch wenig. Wer will es ihm übelnehmen?

Unterstellt man aber einmal, dass der Studierende die Wichtigkeit des Selbststudiums erkannt hat, dann ist »Read + Play« ein taugliches Werkzeug (für alle Semester!), mit dem der Lernende sich einen Weg durch den Typo-Dschungel bahnen kann.

Im ersten Teil erfährt man einiges über das Verhältnis von Typografie, Kommunikation, Kultur, Kunst, Technik, Gesellschaft, Wirtschaft und Politik. Alle wichtigen Namen von Typografen (der letzten Jahrzehnte) – von Schwitters bis Bill, von Tschichold bis Carson, von Weingart bis Weidemann, von Müller-Brockmann bis Meiré – werden kurz genannt und kommentiert. Diese Name-Dropping-Liste lädt ein zu einer weiterführenden Lektüre. Das ist der Sinn dieses Buches: es liefert Stichworte, mit deren Hilfe der Leser sich die verschiedenen typografischen Zusammenhänge eigenständig erschließen kann. Man fragt sich, warum dieses Buch erst jetzt erscheint.

In einem zweiten Teil geht es dann um die Regeln der Typografie, das Lesen, die Schrift selbst und ihre Qualitätskriterien.

Im dritten und letzten Teil reflektieren die Autoren ihr Werk und ihren Anspruch und diskutieren mit einigen ihrer Mainzer Kollegen unter anderem die Frage, »was man Studenten zumuten kann«. Fragen der Macht, der Verantwortung, der Autorschaft und der Wissensvermittlung werden ebenso erörtert.

Mir gefällt dieses Buch, weil es implizit ein großes Thema auch meines Unterrichts formuliert. Was kann ich vermitteln und was muss ich unbedingt ansprechen, worauf kann ich nur verweisen und worauf darf ich vertrauen, was kann ich (in meinen 1,5 Semestern des Grundstudiums) leisten und was werden die Kollegen im Fortgang in ihrem Unterricht thematisieren?

Auch meine Studierenden bilden eine sehr heterogene Gruppe. Es bestehen Unterschiede in der Vorbildung, in den Erwartungen und Erfahrungen, in der Motivation, in der Bereitschaft zum Selbststudium. In schöner Regelmäßigkeit wird mir am Ende eines Semesters – mit Hilfe eines Feedback-Fragebogens – immer wieder attestiert, dass ich mal wieder viel zu viel – und viel zu wenig Theorie gemacht habe.

Und dann werde ich den Eindruck nicht los, dass die Lektüre von (Fach-)Büchern heute unter meinen Studierenden eher als uncool gilt. Wozu noch lesen, wenn es doch http://ffffound.com und http://www.behance.net gibt? Mit der Formulierung des letzten Satzes fordere ich zum Widerspruch auf.

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500 × 150 mm

Dezember 6, 2009

»Die Kunst des Weglassens« ist nur schwer und mühsam zu erlernen. Typografie-Anfänger – so meine Erfahrung – neigen dazu, ihre Layouts zunächst aufzuhübschen, zu verzieren, mit Ornamenten und grafischem Schnickschnack zu dekorieren, kurz: zu überladen. Allein auf die »Kraft der Typografie« zu setzen, traut man sich noch nicht so recht, weil der Betrachter die Gestaltung dann ja womöglich als »zu langweilig« empfinden könnte. Erschwerend kommt hinzu, dass man gerade eben erst das Programm Illustrator kennengelernt hat – der Typo-Dozent aber nun prompt den Einsatz von InDesign präferiert. (*grmpf!*) Und einen Überblick über die riesige Schriften-Auswahl zu bekommen, ist auch nicht leicht.

Als zweites Projekt im Typografie-Seminar des 2. Semesters stand die Gestaltung eines Seitenscheibenplakats auf dem Lehrplan. Die (fiktive) Lesung des Lieblings-Schriftstellers der Studierenden sollte auf einer Fläche von 500 × 150 mm beworben werden. Solche Plakate finden wir auf den schmalen Fensterscheiben der U-Bahn. Es handelt sich also um ein Projekt mit hohem Realitätsbezug. Wie die Studierenden der Kunstschule Wandsbek diese Aufgabe gelöst haben, soll hier gezeigt werden.

Deima Ruschkies

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Kompakte Ratgeber für Typo-Anfänger

Januar 3, 2009

Das Internet ist eine feine Sache. Recherche und Wissensaneignung sind nur einen Mausklick voneinander entfernt. Gleichwohl ersetzt das World Wide Web nicht das klassische Fachbuch. Und dieses schon gar nicht, wenn es um die Gestaltung von Drucksachen geht. Deshalb empfehle ich meinen Studenten, sich zu Semesterbeginn zwei Titel anzuschaffen und diese seminarbegleitend zu studieren. Die schmalen Bände sind nicht nur inhaltlich sehr gut strukturiert, sondern auch tadellos verarbeitet (fadengeheftet!) und zudem erschwinglich.

Das erste Buch – Erste Hilfe in Typografie – hält genau das, was der Titel verspricht. Es bietet einen Überblick über die wesentlichen Fragen des Umgangs mit Schrift und Typografie. Willberg und Forssman beweisen auf 104 Seiten, dass man Typo-Know-how mit Spaß sich aneignen kann.

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Hans Peter Willberg und Friedrich Forssman
Erste Hilfe in Typografie
Ratgeber für Gestaltung mit Schrift
ISBN 978-3-87439-474-1

Das Buch kostet 12,80 € und ist im Verlag Hermann Schmidt erschienen.

Verlagsinformation: Starter-Kit für angehende Profis und alle, die wollen, dass ihr Text beim Lesen gut ankommt. Man kann einen Text nicht nicht gestalten. Wie immer wir ihn »kleiden«, ob bewusst, gekonnt, unbewusst oder ungekonnt, wir interpretieren und inszenieren den Text. Und tun ihm damit nicht immer einen Gefallen. Erste Hilfe in Typografie ist der ideale Einstieg in die Welt der Gestaltung mit Text und Bild, ein Ratgeber für Studierende und andere werdende Profis, aber auch für alle, die auch auf Papier den richtigen Ton treffen wollen. Von der Schriftwirkung geht die Tour de Typo über Lesbarkeit zum Unterscheiden von Schriften und zu Schriftmischungen.

Weiter geht’s mit Wortzwischenräumen, Zeilenabstand und Satzbreite. Acht Schriften zeigen auf vier unterschiedlichen Papieren, was die Papierwahl zur Wahrnehmung beiträgt. Repro, Druck und Lesbarkeit werden ebenso beleuchtet wie Block- und Flattersatz und typografische Betonungen. Ziffern und Zahlen sowie die beliebtesten Fehler runden den typografischen Parcours ab und ergeben »Eine Erste Hilfe in Typografie, die den Laien sehr schnell in die wichtigsten Regeln der guten Manieren bei zu Papier gebrachten Darstellungen einweist.« FAZ

Das zweite Buch – Wegweiser Schrift – ist ebenso nachdrücklich zu empfehlen. Schwerpunkte darin sind Fragen der Schriftklassifikation und der Schriftmischung. Der Autor Hans Peter Willberg (1930–2003) lehrte übrigens über 20 Jahre an der Fachhochschule Mainz und gilt auch heute noch als einer der bedeutendsten deutschen Buchgestalter.

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Hans Peter Willberg
Wegweiser Schrift
Erste Hilfe im Umgang mit Schriften
ISBN 978-3-87439-569-4
Das Buch kostet 12,80 € und ist im Verlag Hermann Schmidt erschienen.
Verlagsinformation: Was passt, was wirkt, was stört? Wegweiser Schrift führt nahbar, einfach, verständlich – und doch mit dem geballten Fachwissen eines der meistausgezeichneten Buchgestalter Deutschlands – in die Geschichte, Form, Auswahl und Mischung von Schriften ein und weckt in anschaulichen Beispielen und Praxisübungen Lust auf den bewussteren Umgang mit Schrift.
Hans Peter Willberg verzichtet auf reinen Prüfungsstoff wie die DIN-Klassifizierung und gruppiert die Schriftarten lieber nach jedermann einleuchtenden Prinzipien, die mittlerweile an einigen Design-Hochschulen fest etabiliert sind. Auch wegen der praktischen Übungen am Ende: Schriftmischungen wie Erdbeeren mit Schlagsahne und Vergleiche von Typo und Typen, die schmunzeln lassen! So stellt Wegweiser Schrift dem Erfolgstitel Erste Hilfe in Typografie einen Schrift-Leitfaden zur Seite, der sich seit Erscheinen einen festen Platz in den Literaturempfehlungen der Hochschulen, den Regalen des Handels und in den Herzen und Köpfen von schriftinteressierten Ein-, Um- und Aufsteigern in Sachen Type und Typo erobert hat.