»Hello Again«

Januar 29, 2010 von butschinsky

Hoppla, das hätte ich einem Schlagersänger gar nicht zugetraut. Zuerst habe ich es für eine Parodie gehalten, aber das Plakat scheint echt zu sein. Dass Howie – »Deine Spuren im Sand« – seinen Auftritt so selbstironisch und mit Sprachwitz ankündigt, find’ ich echt knorke. Ins Konzert kriegen mich trotzdem keine zehn »schöne Mädchen von Seite 1«.

Ein Buch, ein Buch

Januar 24, 2010 von butschinsky

»Lesen heißt mit einem fremden Kopfe, statt des eigenen, denken.«
(Arthur Schopenhauer)

Erstmalig konnte ich ein Buchprojekt in meinem Typografie-Seminar unterbringen. Zu konzipieren und gestalten galt es den Einband, die Titelei und zwei typische Doppelseiten aus dem Inhalt. Außerdem sollte ein Schutzumschlag entworfen werden. Die Erwartungen waren hoch.

Bei dieser Aufgabe für das 3. Semester der Kunstschule Wandsbek waren weniger kreative Höhenflüge, sondern vielmehr typografisches Handwerk gefragt. So mussten zunächst die Papierqualität, das -format und der Satzspiegel festgelegt werden. Dann musste man sich für eine Schrift – oder eine Schriftfamilie, -sippe, -mischung – entscheiden. Laufweite und Zeilenabstand wollten unter dem Gesichtspunkt der optimalen Lesbarkeit ermittelt werden. Kurz: Für diese Aufgabe brauchte es den Blick fürs Detail und einen langen Atem.

Zur Auswahl stellte ich folgende Titel:

Johanna Spyri: Heidis Lehr- und Wanderjahre
Alexandre Dumas: Der Graf von Monte Christo
Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra
Worte des Vorsitzenden Mao Tsetung
Adolf Loos: Ornament und Verbrechen
Paul Watzlawick: Anleitung zum Unglücklichsein
Ernst Jandl: lechts und rinks. gedichte, statements, peppermints
Thomas Bernhard: Auslöschung. Ein Zerfall
Max Goldt: Ungeduscht, geduzt und ausgebuht

Den meisten Zuspruch fanden Watzlawicks »Anleitung zum Unglücklichsein« und Dumas’ »Graf von Monte Christo«.

Einige Studierende kümmerten sich so sehr um die Gestaltung des Schutzumschlages, dass sie darüber leider die lesetypografischen Anforderungen des Inhalts vernachlässigten. Aber wir wollen mit dem 3. Semester nicht allzu streng ins Gericht gehen. Es gab durchaus Arbeiten, die insgesamt zu überzeugen vermochten. Eine davon will ich hier exemplarisch zeigen. Ffion Evans hat sich die berühmte »Mao-Bibel« vorgenommen.

Ein unspektakulärer und unprätentiöser roter Schutzumschlag mit gelb-oranger Schrift. Die Gestaltung orientiert sich noch stark an dem Design der deutschsprachigen Ausgabe von 1972. Für den Titel wurde eine Garamond gewählt. Ffion setzte den Titel in drei Versalzeilen im Blocksatz. Die minimalen Laufweitenunterschiede sind noch akzeptabel. Ein mittelachsialer Satz hätte nicht funktioniert. (Soeben stelle ich fest, dass sie sich den Blocksatz durch das Hinzufügen des Artikels in der ersten Zeile erkauft hat. Im Original heißt es schlicht »Worte des Vorsitzenden …« ohne »Die«.)

Hier stimmt der Titel nun wieder. (Die schlechte Qualität der Fotos möge man mir nachsehen.)

Im Inneren wurde der linksbündige Flattersatz gewählt.

Ffion arbeitete mit einem Halbzeilenregister.

Für die Quellenangaben wurde er kursive Schnitt der Garamond gewählt. Die Zeilen wurden zudem eingerückt.

Mit Nadel, Faden, Falzbein, Cutter und Klebstoff wurden so in Handarbeit einige schöne Dummys erstellt. Eine Studentin hatte besonderes Glück – ihre Mutter ist Buchbinderin.

Jacqueline Joél präsentierte ihren Dumas in einem perfekten Blindband.

»Wie du mir, so ich dir noch lange nicht«

Januar 23, 2010 von butschinsky

Unter Designern – zumal unter jungen – galt früher die Gestaltung von LP-Covern häufig als besonders reizvoll, vor allem dann, wenn man sich selbst sehr für Musik interessierte. Ob das heute auch noch so ist? Zumindest wollte ich daran glauben, als ich für die Studierenden meines Typografie-Seminars im 3. Semester ein neues Projekt ausbrütete.

Ich wollte es den Studierenden der Kunstschule Wandsbek aber nicht so leicht machen, dass sie »nur« ein Cover für ihre jeweilige Lieblingsband entwerfen sollten. Vielmehr spielte ich ihnen einen Titel von einer CD vor, mit der Bitte, sich nur auf die Musik zu konzentrieren. Dass es sich dabei um das Stück »Wie du mir, so ich dir noch lange nicht« von Peter Brötzmann, Albert Mangelsdorff und Günter »Baby« Sommer (Pica-Pica, 1982) handelte, habe ich ihnen nicht gesagt.

Natürlich war ich mir bewußt, dass diese Art Musik – im Plattenladen findet man sie unter der Rubrik Improvisierte Musik, Avantgarde oder Free Jazz – heute vermutlich für die meisten 20-Jährigen nur schwer zugänglich ist. Aber macht nicht gerade das die Aufgabe zu einer wirklichen Herausforderung?

Aufgabe war es also, nicht nur eine angemessene typografische Gestaltung für diese Musik zu finden, die Studierenden sollten auch der Band und dem Album einen Namen geben. Ebenso durften Musiktitel frei erfunden werden.

Ich setzte bei diesem – im Ergebnis absolut offenen – Experiment auf die Phantasie und den spielerischen Umgang mit der Sprache. Gespannt war ich also darauf, wie die Studierenden etwas bloß – und zuvor noch nicht – Gehörtes visualisieren würden.

Die Reaktionen während des Hörens waren vielseitig: Irritation, Amüsement, offene Ablehnung. Eine Studierende litt nach eigenen Aussagen an »Schnappatmung«. Sie hat es aber überlebt.

Zeigen möchte ich hier zwei Arbeiten, die sich aus der Menge positiv hervorheben.

Michaela Neumann (linkes Cover) und Kaja Diandra Oblonczek (rechtes Cover) entscheiden sich für eine Mischtechnik und pinselten, klecksten, tupften, stempelten, schablonierten und klebten, was das Zeug hielt.

Diese beiden Entwürfe stellen für mich eine formal stimmige Lösung dar. Sie sind auch atmosphärisch nah an der Musik, haben Witz und (Selbst-)Ironie. Und Titel wie »Locker um die Ecke löffeln« (Michaela), »Fracksausen« oder »Futterneid« (Kaja) würden womöglich auch einem Peter Brötzmann, der ja selbst Malerei und Grafik studiert hat, gefallen.

Wie Michaela allerdings auf den Namen »Morbidio« gekommen ist, muss ich sie noch einmal fragen. Ob sie womöglich früher doch schon mal »Die like a dog« gehört hat?

Nachtrag: »Pica pica« ist übrigens der lateinische Name für die Elster. Dank an Amber für diesen nützlichen Hinweis. Auf der Rückseite des Original-Albums befindet sich auch die Zeichnung einer Elster. Die Vogelart gehört zur Familie der Rabenvögel. »In der germanischen Mythologie war die Elster sowohl Götterbote als auch der Vogel der Todesgöttin Hel, so dass sie in Europa den Ruf des Unheilsboten bekam. Als ›diebische‹ Elster war sie auch im Mittelalter als Hexentier und Galgenvogel unbeliebt. Im Gegensatz dazu gilt sie in Asien traditionell als Glücksbringer und bei den nordamerikanischen Indianern als Geistwesen, das mit den Menschen befreundet ist.« (aus: wikipedia)

Die Frage allerdings, ob der Gesang oder das Sozialverhalten der Elster die Musiker zu den Stücken auf »Pica pica« inspiriert hat, muss hier zunächst unbeantwortet bleiben.

Pommes frites sind aus

Januar 17, 2010 von butschinsky

Windschutz eines Imbiss-Wagens auf dem Gelände der Univeritätsklinik in Hamburg Eppendorf

… und Currywurst auch.

Aus der Hölle

Januar 10, 2010 von butschinsky

Böse Zungen behaupten ja, dass jeder die Kunden und Kollegen hat, die er auch verdient. Was Florian Bredl auf seiner Website »Aus der Hölle« allerdings an Anekdoten aus dem Grafiker-Alltag auftischt, ist schon ganz großes Kino. Zumindest für denjenigen, der Horrorfilme mag. Manches klingt so abenteuerlich, dass man es nur schwer glauben mag. Ich musste jedenfalls bei der Lektüre mehrmals laut auflachen … und danke Gott, dass mir in meinen 20 Berufsjahren solche Kunden und Kollegen nur sehr selten begegnet sind.

Gut gefallen hat mir – als Typograf – besonders dieses Gespräch:
Kunde:
»Wir brauchen mehr unterschiedliche Schriften im Flyer!«
Ich: »Wie viele unterschiedliche Schrifttypen möchten Sie denn benutzen?«
Kunde: »Wie viele haben Sie denn?« (Quelle)

Statt Socken

Dezember 14, 2009 von butschinsky

Liebe Eltern, auch in diesem Jahr fragen Sie sich, was Sie Ihrer Tochter oder Ihrem Sohn zum Fest schenken sollen? Verweiflung macht sich breit? Das muss nicht sein. Sofern Ihr Kind Kommunikationsdesign studiert, ist die Frage wirklich leicht und eindeutig zu beantworten.

Der Typo-Dozent empfiehlt – immer noch und immer wieder gern – Lesetypografie. Das Werk von Willberg und Forssman gilt seit zehn Jahren als Klassiker und kostet 98 Euro. Es bietet mit vielen vergleichenden Beispielen Anregungen für den Praktiker. Im Vordergrund steht das solide Handwerk des Setzers. Schickes und zeitgeistiges Typodesign werden Sie in diesem Werk nicht finden, dafür aber pralles und zeitloses Erfahrungswissen.

Und wenn Oma und Opa auch noch etwas dazu geben, dann ist vielleicht ja auch noch Detailtypografie von Forssman und de Jong drin. Das über 400 Seiten starke Nachschlagewerk kostet ebenfalls 98 Euro und sollte in keinem Typografen-Haushalt fehlen. Das Werk beeindruckt vor allem dadurch, dass es profunde Antworten auf nahezu alle Fragen der Detailtypografie – Schriftzeichen, Schriftbearbeitung, Umbruch, Satzzeichen etc. – parat hat.

Bei konsequenter Lektüre beider Werke ist der Typografie-Suchtfaktor mit eingebaut und – das interessiert die Studierenden ja bekanntlich sehr – die A-Note bei der nächsten Typo-Klausur gleichsam garantiert.

500 × 150 mm

Dezember 6, 2009 von butschinsky

»Die Kunst des Weglassens« ist nur schwer und mühsam zu erlernen. Typografie-Anfänger – so meine Erfahrung – neigen dazu, ihre Layouts zunächst aufzuhübschen, zu verzieren, mit Ornamenten und grafischem Schnickschnack zu dekorieren, kurz: zu überladen. Allein auf die »Kraft der Typografie« zu setzen, traut man sich noch nicht so recht, weil der Betrachter die Gestaltung dann ja womöglich als »zu langweilig« empfinden könnte. Erschwerend kommt hinzu, dass man gerade eben erst das Programm Illustrator kennengelernt hat – der Typo-Dozent aber nun prompt den Einsatz von InDesign präferiert. (*grmpf!*) Und einen Überblick über die riesige Schriften-Auswahl zu bekommen, ist auch nicht leicht.

Als zweites Projekt im Typografie-Seminar des 2. Semesters stand die Gestaltung eines Seitenscheibenplakats auf dem Lehrplan. Die (fiktive) Lesung des Lieblings-Schriftstellers der Studierenden sollte auf einer Fläche von 500 × 150 mm beworben werden. Solche Plakate finden wir auf den schmalen Fensterscheiben der U-Bahn. Es handelt sich also um ein Projekt mit hohem Realitätsbezug. Wie die Studierenden der Kunstschule Wandsbek diese Aufgabe gelöst haben, soll hier gezeigt werden.

Deima Ruschkies

Viola Riechert

Anna Boje

Jan Bach

Maren Kindel

Percy Coobs

Otis Dusör

Kira Jahnke

Karolin Berndt

Maria Jürgens

Marek Brojanowski

Yvonne Dreßler

Karin Roth

Marcel Poguntke

Julia Rose

Saskia Olieslagers

Katharina Oppermann

Max Weinland

Dominica Zaborowski

Sarina Witt

Claudia Reinecke

Claudia Reinecke

Kick in Iran

November 27, 2009 von butschinsky

Das erste Projekt im 3. Semester war zugleich ein Wettbewerb. Ein Plakat für den Dokumentarfilm »Kick in Iran« sollte gestaltet werden. Die Teilnehmer meiner beiden Typografie-Seminare im Wintersemester 2009/2010 nahmen die Herausforderung gern an. Es entstanden fast 100 Plakate. Einige der besten will ich hier wieder zeigen.

Die Filmproduktionsfirma Brave New Work und die Regisseurin Fatima Abdollahyan haben sich für den Entwurf von Christian Menzel entschieden. Wir gratulieren.

Layouts von Michaela Neumann und Carolin Herbst

Layouts von Matthias Borchardt und Monique Nitschke

Layouts von Sarah Kleiß und Ffion Evans

Layouts von Kristin Vent und Jannik Paeth

Layouts von Delaram Safari-Khaledi und Sarah Kleiß

Layouts von Sarah Kleiß und Katharina Beller

Layouts von Sabrina Dühn und Alexander Makarov

In der Synopsis des Films ist zu lesen: »Sara Khoshjamal hat geschafft, was bisher noch keiner anderen Frau vor ihr gelungen ist. Die 20-jährige ist die erste Sportlerin aus dem Iran, die sich jemals in der Geschichte des iranischen Frauensports für die Olympischen Spiele qualifizieren konnte. Ihre Disziplin ist Taekwondo. Ein großer persönlicher Erfolg für die junge Muslima und ihre Trainerin Maryam Azarmehr. Aber auch ein wichtiger Schritt für alle Frauen, die im Iran für Gleichberechtigung und mehr Freiheit kämpfen.

KICK IN IRAN begleitet Sara und ihre Trainerin über einen Zeitraum von neun Monaten auf ihrem steinigen Weg zur Olympiade 2008 in Peking. Im Mittelpunkt steht dabei der unerschütterliche Glaube der jungen Frau an sich selbst; der Wunsch ›es zu schaffen‹, trotz erschwerender religiöser Bekleidungsvorschriften und dem Druck der iranischen Gesellschaft, die von Frauen in ihrem Alter eher die Suche nach einem geeigneten Ehemann als eine Sportlerkarriere erwartet. Ein Film über Selbstbestimmung und den Wunsch nach Veränderung.« (Quelle)

November-Impression

November 14, 2009 von butschinsky

Da ist Musik drin

November 14, 2009 von butschinsky

Das Atelier Martino & Jaña in Portugal gestaltete diese wunderschönen Jazzplakate. Perfekt verschmilzt die steile Gradation der Fotos kontrastreiche Strichzeichnung mit der organischen Schriftgestaltung. Die abgebildeten Künstler wirken aufgrund des raffinierten Anschnitts der Motive sehr präsent. Man beachte den (aquarellierten?) Hintergrund. Klasse!

jazzplakate_portugal

Plakate in der Vorweihnachtszeit

November 8, 2009 von butschinsky

Was nicht passt, wird passend gemacht. Alte Handwerker-Weisheit.

kellinghusenstrasse

Typografischer Stadtplan

Oktober 23, 2009 von butschinsky

The Architectural League of New York ist umgezogen. Und mit der Helvetica zeigt man auch, wohin. Pentagram hat das Plakat gestaltet. Und mir gefällt’s.

Typografenkost

Oktober 17, 2009 von butschinsky

Heute soll ein altes Vorurteil bestätigt werden, das besagt, dass Typografen ausschließlich von Buchstabensuppe sich ernähren. Eine Packung Hartweizengries schenkte mir einst einer meiner Studenten zum Semesterende. Danke, Tippi! Das Foto zeigte jene Reste, die sich zunächst auf dem Boden der Kochtopfes festgesetzt hatten. Nach einem längeren Wasserbad und dem Einsatz mechanischer Gewalt war aber wieder alles gut. Auch nicht schlecht: ein Maggi-Werbespot.

Maulwurfshügel auf Englischem Rasen

Oktober 14, 2009 von butschinsky

… oder: »Der Typo-Mörder ist immer der Gärtner.« Warum sich der unbändige Gestaltungswille mancher Menschen häufig auf derart brutale Weise artikuliert, wird mir auf ewig ein Rätsel bleiben … Spieltrieb? Experimentierfreude? Innovationszwang? Betonung der Individualität? Demonstration des gelebten Nonkonformismus? Ausdruck überschäumender Kreativität? Manifestation wild wütender Anarchie? Nicht therapierbare Typophobie?

Ich muss an einen Satz denken, den ich in Thomas Kapielskis »Mischwald« (S. 166) gelesen habe: »Die unangepaßte Harmlosigkeit und der achtsame Aufmupf charakterisieren ja den zeitgemäßen Konformismus: Grün wählen und bei Rot über die Ampel.«

Kennen Sie Günther Kieser?

Oktober 11, 2009 von butschinsky

Seine Arbeiten hängen heute im Museum of Modern Art in New York. 40 Jahre lang gestaltete Günther Kieser, Jahrgang 1930,  Plakate, hauptsächlich für Jazz- und Rockkonzerte. Eines der schönsten ist für mich das Veranstaltungsposter für ein John-Coltrane-Konzert im November 1962 in Düsseldorf. (Bildquelle) Die entsprechende Musik und die bewegten Bilder – in Schwarzweiß – dazu gibt es hier.

Wieder mal die Klassiker

Oktober 3, 2009 von butschinsky

Als Schriftgestalter der Schrift Rotis (1988) ist er meinen Typografie-Studenten der Kunstschule Wandsbek vermutlich bekannt. Wie kaum eine zweite Schrift spaltet die Rotis auch heute noch die Typografen und Designer in zwei Lager. So gibt es die Rotis-LiebhaberAnwender und die Rotis-HasserVermeider. Auf Platz Nr. 32 finden wir diese stark polarisierende Schriftsippe im Fontshop-Ranking. Weder als Brotschrift noch als Headline- oder Logoschrift habe ich die Rotis bisher (freiwillig) eingesetzt – womit ich nicht ihren prägnanten Charakter bestreiten möchte. Aber gerade diese eigenwillige, eitle Erscheinung ist es wohl, die zur Abstinenz mich animiert.

Zur Volljährigkeit der Schrift hat der Verlag Hermann Schmidt bereits 2006 rotis – eine Streitschrift – ein sehr informatives, unterhaltsames und amüsantes Büchlein – herausgegeben. So erfährt man zum Beispiel, was klassische Musik, der Deutsche Schäferhund und das Grundgesetz mit der Rotis zu tun haben.

In der Disziplin Corporate Design wird dann der Kollege vermutlich auf einige Erscheinungsbilder – Olympische Spiele München 1972, Lufthansa, Braun, ZDF, ERCO-Leuchten, bulthaup-Küchen, Sparkasse – hinweisen, die der renommierte Grafiker und Dozent entwickelt hat.

Die Rede ist von Otl Aicher (1922–1991). Als Mitbegründer der HfG Ulm (1953–1968) hat er ganze Generationen von Designern geprägt. Der strenge grafische und typografische Stil der Ulmer und seiner Adepten ist auch heute noch in vielen Arbeiten sichtbar, obgleich natürlich nicht unumstritten. Alles Wissenswerte dazu im Überblick findet man im Typolexikon des geschätzten Kollegen Wolfgang Beinert.

aicher

Aktuell habe ich gerades dieses Blog entdeckt. Es präsentiert viele Arbeiten der Ikonen des Grafikdesigns aus den 50er und 60er Jahren des 20. Jahrhunderts. Für einen Typografie-Anfänger scheint mir ein Besuch der »Schweizer Schule« immer angemessen. Also, liebe Studenten, besucht und studiert die alten Hasen: Anton Stankowski, Karl Gerstner, Emil Ruder, Josef Müller-Brockmann, Helmut Schmid, Adrian Frutiger … und auch Otl Aicher.

ex und currere

September 24, 2009 von butschinsky

Als guter Dozent will man den Nachwuchs-Kreativen ja auch mal etwas Besonderes bieten. Im Rahmen des regulären Unterrichts ist das erfahrungsgemäß nur bedingt möglich. Da muss man sich schließlich mit so elementaren und profanen Dingen wie der Schriftklassifikation oder der Frage nach einer gelungenen Schriftmischung, der besten Schriftgröße, des optimalen Zeilenabstandes, der richtigen Spaltenbreite und der passenden Laufweite etc. auseinandersetzen.

spiegel_2009

Deshalb hieß das Zauberwort am letzten Tag in diesem Sommersemester wieder einmal: Schulausflug. Exkursion. So besuchte ich am vergangenen Montag mit meinem Typografie-Seminar der Kunstschule Wandsbek den Spiegel-Verlag. Anfang des Jahres war ich schon einmal mit einer Gruppe dort. Für den Studierenden stellt der Alltag des Profis immer etwas Besonderes dar. Und die Chance, Einblicke in die Praxis zu bekommen, ist für die meisten der 20-Jährigen durchaus ein Grund, sich – zumindest für wenige Stunden – vom Mac zu trennen.

Im legendären Konferenzraum Nr. 4 im 12. Stock des Hauses wurden wir von je einem Kollegen aus der Redaktion und dem Layout begrüßt. Die gefürchteten Powerpoint-Präsentationen, die bei Studierenden schnell einen Informations-Overkill verursachen, kamen diesmal nicht zum Einsatz. Statt dessen suchte man das Gespräch. Zunächst zaghaft, dann aber auch mutiger, stellte man die ersten Fragen. Der Spiegel-Grafiker schilderte seinen Alltag als Layouter für das Nachrichten-Magazin aus Hamburg präzise und eloquent: Musterseiten und Stilvorlagen, QuarkXPress und Redaktionssystem, Konferenzen und Korrekturen, Text- und Foto-Redaktion, Dokumentation und Chef vom Dienst, Infografik und Schlussgrafik. – Aha.

Wenn ich die Fragen und die Kommentare meiner Studenten richtig deute, dann schienen sie etwas irritiert, wenn nicht gar enttäuscht gewesen zu sein. So hatten sie sich den Job eines Grafikers vielleicht doch nicht vorgestellt. Viel Routine, kaum Gestaltungsspielräume, die ewigen Korrekturphasen, die Titelseite macht sowieso ein anderer Grafiker oder Illustrator … – wo bleibt denn da – bitteschön – die Kreativität? Die Kollegen in der Brandstwiete müssen also vermutlich nicht befürchten, mit Bewerbungen von Studierenden aus dieser Gruppe überschüttet zu werden …

Wie sag ich’s dem Leser

September 17, 2009 von butschinsky

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Über diese kleine Sammlung mit interessanten Infografiken (im weitesten Sinne) bin ich gerade gestolpert. Ob es sich dabei um die »top 250 best movies of all time map« oder um die Darstellung der Entwicklung des Grafikdesigns in den letzten Jahren oder des Pepsi- bzw. Coca-Cola-Logos handelt – ein Blick lohnt sich.

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Ich weiß ’was …

September 4, 2009 von butschinsky

Als ich über eine Anzeige für ein Buch mit dem Titel »Lexikon des Unwissens« von Kathrin Passig und Aleks Scholz gestolpert bin, da wusste ich: der Grafiker des Rowohlt-Verlages muss ein großer Bewunderer des Werkes von Niklaus Troxler sein, so wie ich es auch bin. Zwei Sekunden später fragte ich mich allerdings: ist diese Buchgestaltung nun eine asynchrone Parallelentwicklung, eine Hommage, ein Zitat oder ein Plagiat? Oder etwa nur eine (schlechte) Parodie?

Buchtitel des Rowohlt-Verlages aus 2007 (links) und Plakat des Schweizer Grafikers Nikolaus Troxler aus 2005 (rechts).